Website Liederkranz Enzweihingen
Erstellt am: 11.10.2017
Autor: Vera Gergen (VKZ vom 2.10.2017)

"Lasst uns mutig und wahrhaftig sein!"


Umjubelter Auftritt des Enzweihinger Liederkranzes mit dem Pop-Oratorium über Martin Luther in der Stadthalle Vaihingen

 

Als Kraftakt, aber vor allem als Meisterleistung lässt sich titulieren, was der Liederkranz Enzweihingen mit seinem Chorleiter Thomas Ungerer in Kooperation mit der Stadt Vaihingen und dem Verein Drehscheibe auf die Beine gestellt und am Samstag bei zwei Vorstellungen in der Stadthalle präsentiert hat.Das „Pop-OratoriumLuther“ hat das Publikum in seinen Bann gezogen und für stehende Ovationen gesorgt.

Da hatte Oberbürgermeister Gerd Maisch als Schirmherr in seiner Begrüßung nicht zu viel versprochen, als er für den Abend ein Feuerwerk und einen ganz besonderen musikalischen Genuss mit großem Tiefgang über das Leben des berühmten Reformators ankündigte.

Doch zunächst zum beeindruckenden Auftakt: „L-U-T-H-E-R – Wer ist Luther?“, ertönt es mannigfach und eindringlich zu rockigen Klängen der Band und des Orchesters. Erstere präsentierte sich in sechsfacher Besetzung, darunter Verbandschorleiter Jürgen Huttenlocher am Klavier, während sich das Orchester aus Streichern von „Serenata“ aus Leonberg, Schülern von Thomas Ungerers Musikschule „Musik-erLeben“ sowie aus Bläsern der Umgebung zusammensetzte. Auch der Chor – bestehend aus dem Liederkranz Enzweihingen, dem Chor aus Pfaffenhofen sowie 85 Projektsängerinnen und -sängern – hatte sich speziell für „Luther“ zusammengefunden und trat abwechselnd und gemeinsam mit den Solisten in Erscheinung. Insgesamt eine echte Mammutaufgabe für den musikalischen Leiter, der die einzelnen Ensembles erst in der vergangenen Woche zusammenbringen und zu einer Einheit verschmelzen konnte.

Worms 1521, ein Herold (Thomas Dieden) verkündet, dass sich Luther vor Kaiser Karl V. verantworten muss. „Wer also ist Martin Luther?“, wird gefragt. Es folgt ein Rückblick. Marketenderin Lara (wunderbar verkörpert von Sopranistin Dorothee Götz) und der kleine Luther (dargestellt von Götz’ achjährigem Sohn Jan-Felix Burkhardt) erinnern an die Kindheit Martins und an das die Gesellschaft bestimmende Gefühl von Furcht und Ausgeliefertsein, unter dem auch Luther leidet, bis er in einer Vision die Bedeutung des Gotteswortes erfährt.

Schnell löst der Chorgesang erste Gänsehaut aus

„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort!“ – vom Chor aufgenommen und als Kanon weitergeführt, mit Beat begonnen und als Choral endend, löst die Musik die erste Gänsehaut aus. Auf dem Reichstag in Worms soll der Mönch wegen seiner Thesen verhört werden. „Wir wissen alle, was ihm droht. Er kommt! Hurra – Luther!“, ertönt Jubel. Die Reaktion folgt als brillantes Solo von Tenor Tilman Kögel. „Ihr irrt euch in mir, ich bin nicht euer Mann. Ihr wollt einen, der die Welt ändern kann. Befreit euch alleine!“, dämpft der als Rebell Begrüßte die Erwartungen des Volkes und verweist auf die Wahrheit, die dank des Buchdrucks aus den Klostermauern drängt.

Multiplikation bricht die Tradition, ist die Zukunft und ist Wissensexplosion!“, heißt es im nächsten Liedrefrain, der zugleich auf die Medienrevolution im Mittelalter, wie auf die Moderne verweist. „Weg mit dem Mönch“, ist Antwort und Forderung des Klerus in der Figur des Dominikanerpaters Faber (Stefan Holzki), der aus Angst vor dem Machtverlust „den Ketzer“ zur Hölle wünscht. Luther kämpft mit dem eigenen Gewissen und Verstand und kommt zu dem Schluss: „Ich will selber denken. Auch wenn sie mich Ketzer nennen, meinen Glauben nehmen sie mir nicht!“ Ein anderer Prediger (Tobias Liebelt) tritt auf den Plan: „Luther sagt, der Ablass sei Gaunerei. Für das Seelenheil ist nichts zu teuer. Auf den Ablass!“ „Machtspiel, Machtspiel, wer das Spiel nicht spielt, ist verloren!“, ereifern sich die Gegner Luthers in Politik und Kirche immer lauter, immer schneller, getrieben von Rhythmus der Musik und eindrucksvoll intoniert vom Chor sowie den Solistinnen. Auf dem Weg zum Verhör bekommt Martin von den Menschen Mut zugesprochen: „Wir sind Gottes Kinder.“ Davon fühlen sich auch die Zuschauer angesprochen und klatschen im Takt mit. Doch die Zuversicht hält nicht lange. Luther zögert, ob er standhaft bleiben oder widerrufen soll, und erbittet sich Bedenkzeit.

Die Technik nutzt die Pause, um dem Wort besseres Gehör zu verschaffen

Zeit für Pause also, für die Akteure (und Zuschauer) zum Durchschnaufen vom rasanten Tempo und für die Technik zum Nachjustieren, denn leider haperte es öfters mit dem Textverständnis im Saal. In der zweiten Hälfte kommt „das Wort“ dann wesentlich besser an. Durch interessante, herausfordernde Dissonanzen wird in einem starken Duett von Dorothee Götz und Tobias Liebelt Luthers Thesenanschlag ins Gedächtnis gerufen und dass er damit den Menschen ein neues Selbstbewusstsein verliehen habe. Mit schöner Bassstimme hält Stefan Holzki als Bankier Fugger, der Angst vor dem Machtverlust hat, dagegen: „Es geht um das Heilige Geschäft. So stoppt den Mann!“

„Er ist innerlich zerrissen zwischen Mönchsein und Gewissen“, erfährt man im nächsten emotionalen Lied „Anfechtung“ über Luthers nächtliches Ringen. „Ratlos, planlos, machtlos“, verschaffen sich die Zweifel in Person von Sabine Bednar und Tressa Rose Schreiber (mit tollem Ausdruck und ebensolchen Altstimmen) Gehör. Zerstreut werden sie schließlich durch Paulus’ Römerbrief. „Sola Fides“ – „Allein durch Glauben“ fällt Martin die Entscheidung, nicht zu widerrufen. Was folgt, sind weitere Einflussversuche gegenüber dem Kaiser, ein berührendes Solo von Dorothee Götz als verbannte Lara, die davon berichtet, wie Luther ihr Mut gemacht habe („Gott liebt dich, kein Kirchenmann ändert etwas daran.“) sowie das zweite Verhör, in dem der Reformator selbstbewusst verkündet: „Ich sag’, was ich denk’. Kein Gesetz dieser Welt steht über der Heiligen Schrift. Überführt mich des Irrtums!“ Das lässt sich der Kaiser nicht bieten: „Luther muss ins Feuer!“

Nur durch das Eingreifen von Kurfürst Friedrich (Jochen Harsch) gelingt die Flucht auf die Wartburg, wo Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzt als „Gottes Botschaft, die jeder versteht“. „Wir sind Gottes Kinder, wo auch immer, keiner ist allein. Lasst und mutig und wahrhaftig sein!“, lautet schließlich die stets aktuelle Quintessenz beim fulminanten Finale, das das begeisterte Publikum von den Stühlen hebt und zu stehenden Ovationen bewegt.

„Dass nach der Theologie keine Kunst sei, die mit der Musik könne verglichen werden, weil allein dieselbe nach der Theologie solches vermag, was nur die Theologie sonst verschafft, nämlich die Ruhe und ein fröhliches Gemüte“, so hat Margot Käßmann in ihrem Grußwort an den Liederkranz den von der Kraft des Gesanges überzeugten Reformator zitiert. Wer wollte dies bestreiten angesichts der gezeigten Leistung aller Beteiligten und dem Fazit von Vereinsvorsitzendem Hans-Peter Rietmüller: „Es hat richtig Spaß gemacht!“